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Zum einen verstärken die Rechtsextremen das Ohnmachtsgefühl seit Jahren, indem sie ein Weltbild konstruieren, in dem abgehobene „Eliten“ angeblich gegen das Volk agieren. Ohnmacht wird aber auf der anderen Seite auch verstärkt, wenn, wie vor zwei Jahren, vier Millionen Menschen gegen Remigration und die AfD demonstrieren, aber sich politisch dann trotzdem nichts bessert. Das produziert eine Art erlernter Hilflosigkeit. Ich lebe und arbeite in Ostdeutschland, hier merkt man besonders, wie groß bei vielen Menschen inzwischen die Angst vor der AfD ist, wie das Menschen einschüchtert und sie davon abhält, sich zu engagieren.

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Das zeigen Studien immer wieder: Viele derer, die der AfD ihre Stimme geben, etwa Arbeiter:innen, würden materiell unter deren Politik leiden, anders als die reichen Teile der Gesellschaft. Aber bei Wahlentscheidungen spielen Emotionen eine große Rolle, auch Rachegelüste. Das Gefühl, doch irgendwie selbstwirksam zu sein, weil man mit der eigenen Stimme „linke Eliten“ eingrenzen kann. Dabei gilt: Haben rechte Kräfte erst mal die Macht, führt das immer zu Entrechtung und mehr Ohnmacht aller.

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Ein Herbst der Reformen wurde versprochen, der aber nicht kam – damit zeigt sich die Regierung selbst als ohnmächtig. Dann schaffte die Bundesregierung die Stabsstelle für Bürgerräte ab, eine Möglichkeit, direkt-demokratische Beteiligung stattfinden zu lassen; Wolfram Weimers desaströser Umgang mit der Freiheit von Kunst und Kultur. All das sind Zeichen einer autoritären Verschiebung in der Mitte selbst.

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  • zitronenschnitte@feddit.org
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    5 days ago

    Interessantes Interview. Aber es zeigt nicht nur, wie etablierte Parteien mit daran Schuld sind und wie die AFD es sich zu nutzen macht, sondern gibt auch verschiedene Anhaltspunkte, um dagegen zu steuern.

    Ich würde es mal grob zusammen fassen als: Wir müssen wieder mehr Gemeinschaft leben und mehr untereinander zusammenkommen. Ich merke auch an mir selber. Wenn ich hier so durch feddit scrolle oder Nachrichten lese, stellt sich schnell die beschriebene Ohnmacht ein. Aber hoffnungsvoll und zuversichtlich fühle ich mich meistens dann, wenn ich z.B. von einer Demo komme und gesehen habe, wie vielen Menschen es eben nicht egal ist. Aber es muss nicht immer die große Geste sein.

    Welche Akteure könnten das machen?

    Manche machen es bereits, etwa die „Omas gegen Rechts“, die teils sehr niedrigschwellig arbeiten. Auch die Parteien könnten da aktiv werden. Aber eigentlich jeder und jede, indem man sich im eigenen Umfeld zusammentut, wenn einen etwas beschäftigt, vielleicht mal zum Hoffest oder Ähnlichem einlädt und so die Erfahrung macht: Man kann doch was tun. Ich bin oft bei zivilgesellschaftlichen Gruppen, die sich so engagieren, und das mit großer Freude und Leidenschaft. Und wenn so etwas an vielen Orten passiert, verändert auch das die Gesellschaft. Es muss nicht immer der große politische Kampf sein.