Das Hamburger Gängeviertel: Leben im „größten Slum Europas“
Dunkle Kneipen, enge Twieten und ein Alltag am Existenzminimum: Bis ins späte 19. Jahrhundert prägten die Hamburger Gängeviertel das Stadtbild. Von dieser Enge ist heute kaum noch etwas zu sehen - bis jetzt. Mit moderner KI‑Zeitreise-Technologie lässt das Hamburg Journal historische Fotografien neu aufleben. Die animierten Bilder zeigen, wie Menschen in der Neustadt ums Überleben kämpften und welche Katastrophe das Ende dieser einzigartigen Viertel einleitete.
Die Gängeviertel: Symbol sozialer Spaltung
Die Gängeviertel waren weit mehr als einfache Wohnquartiere. Sie standen für die extreme soziale Ungleichheit der Hansestadt. In den verwinkelten, lichtarmen Gassen lebten die ärmsten Bevölkerungsschichten unter Bedingungen, die selbst für die damalige Zeit prekär waren. Die Viertel erstreckten sich über große Teile der Alt- und Neustadt und galten als Brennpunkte von Armut und Krankheit.
Warum „Gängeviertel“? Die Architektur der Twieten
Der Name geht auf die besondere Bauweise zurück: dicht gedrängte Fachwerkhäuser, verbunden durch schmale Gassen, Hinterhöfe und die typischen Twieten. Viele dieser Wege waren nur 1,70 bis 3,40 Meter breit – zu eng für Licht, Luft und Hygiene. Die Bewohner erreichten ihre Wohnungen oft nur über diese verwinkelten Durchgänge, die das Viertel zu einem labyrinthischen Mikrokosmos machten.
Berühmte Persönlichkeiten aus den Gängevierteln Trotz der schwierigen Lebensumstände brachte das Viertel bedeutende Namen hervor.
► Johannes Brahms, geboren 1833 in der Speckstraße, wuchs inmitten dieser engen Strukturen auf. ► Arthur Schopenhauer lebte ab 1793 in der Neustadt und erlebte das Gängeviertel als pulsierendes, wenn auch hartes Zentrum der Stadt.
Die Cholera von 1892: Der Anfang vom Ende
Die hygienischen Zustände waren verheerend. Trinkwasser wurde aus Fleeten geschöpft, in denen gleichzeitig Abfälle und Fäkalien landeten. Sturmfluten spülten zusätzlich Schmutz in die Wohnbereiche.
1892 kam es zur Katastrophe: Die Cholera forderte innerhalb von sechs Wochen rund 8.600 Todesopfer. Robert Koch, der die Stadt besuchte, zeigte sich schockiert und bezeichnete die Wohnungen als „Brutstätten für jeden Ansteckungskeim“. Die Epidemie führte zu radikalen Konsequenzen - der systematische Abriss der Gängeviertel begann.
Wo das alte Hamburg noch sichtbar ist
Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwanden die letzten Reste der ursprünglichen Bebauung für Neubauten wie das Unilever-Hochhaus (heute Emporio) oder die Ost-West-Straße. Wer heute Spuren der alten Stadt sucht, findet sie hier:
► Krameramtsstuben: Ehemalige Witwenwohnungen am Michel – ein seltenes Beispiel historischer Architektur. ► Gängeviertel am Valentinskamp: Ein kulturelles Zentrum, das durch Besetzungen vor dem Abriss bewahrt wurde und heute an die ursprünglichen Viertel erinnert.
00:00 Zeitreise Hamburg: Mit KI durch den größten Slum Europas 00:15 Das Leben am Limit: Historiker Geerd Dahms über das Gängeviertel 00:50 KI-Animation: Wie das historische Hamburg zum Leben erwacht 02:00 Hygiene-Mangel, Kriminalität & Cholera: Alltag im Hamburger Slum 03:50 Spurensuche heute: Wo man das alte Gängeviertel noch findet
Enge Hinterhöfe, dunkle Kneipen, Familien mit vielen Kindern: Das machte die Hamburger Gängeviertel aus. Mithilfe von KI werden historische Fotos zum Leben erweckt. Mehr dazu: https://www.ndr.de/geschichte/gaengev…
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